Es ist normal, verschieden zu sein.
(Richard von Weizsäcker)

„Thomas sieht mehr“

von Gina Ruck-Pauquet

„Wohin willst du?“, fragte der Vater. Benjamin hielt die Türklinke fest. „Raus“, sagte er. „Wohin raus“, fragte der Vater. „Na so“, sagte Benjamin. „Und mit wem?“, fragte der Vater. „Och…“, sagte Benjamin. „Um es klar auszusprechen“, sagte der Vater, „ich will nicht, dass du mit diesem Thomas rumziehst!“ „Warum?“ fragte Benjamin. „Weil er nicht gut für dich ist“, sagte der Vater.
Benjamin sah den Vater an. „Du weißt doch selber, dass dieser Thomas ein…na, sagen wir, ein geistig zurückge­bliebenes Kind ist“, sagte der Vater. „Der Thomas ist aber in Ordnung“, sagte Benjamin. „Möglich“, sagte der Vater. „Aber was kannst Du schon von ihm lernen?“ „Ich will doch nichts von ihm lernen“, sagte Benjamin. „Man sollte von jedem, mit dem man umgeht, etwas lernen können.“, sagte der Vater.
Benjamin ließ die Türklinke los. „Ich lerne von ihm, Schiffchen aus Papier zu falten“, sagte er. „Das konntest du mit vier Jahren schon“, sagte der Vater. „Ich hatte es aber wieder vergessen“, sagte Benjamin. „Und sonst?“, fragte der Vater. „Was macht ihr sonst?“ „Wir laufen rum“, sagte Benjamin. „Sehen uns alles an und so.“ „Kannst Du das nicht auch mit einem anderen Kind zusammen tun?“ „Doch“, sagte Benjamin. „Aber Thomas sieht mehr“, sagte er dann. „Was?“, fragte der Vater. „Was sieht der Thomas?“ „So Zeugs“, sagte Benjamin. „Blätter und so. Steine. Ganz tolle. Und er weiß, wo Katzen sind. Und die kommen, wenn er ruft.“
„Hm“, sagte der Vater. „Pass mal auf“, sagte er, „Es ist im Leben wichtig, dass man sich immer nach oben orientiert.“ „Was heißt das“, fragte Benjamin. „sich nach oben orientieren?“ „Das heißt, dass man sich Freunde suchen soll, zu denen man aufblicken kann. Freunde, von denen man etwas lernen kann. Weil sie vielleicht ein bisschen klüger sind als man selber.“
Benjamin blieb lange still. „Aber“, sagte er endlich, „wenn du meinst, dass der Thomas dümmer ist als ich, dann ist es doch gut für den Thomas, dass er mich hat, nicht wahr?“